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Jens A Forkel

Mahalla und Weltwissen. Translokale Kommunikation und weltbürgerliche Ordnung.

Der Ausgangspunkt meiner Überlegungen liegt in einer Problematisierung von Beobachtungsbegriffen. In einer experimentellen Anordnung werden Konzepten von Wissensgesellschaft und Nation Überlegungen zu Wissen und Raum gegenübergestellt. Damit stellt sich zum einen die Frage, inwieweit räumliche oder lokale Dimensionen in der Semantik von Gesellschaft, Gemeinschaft, Körper oder gar Mensch Beobachtungsmodi beeinflussen oder konstituieren; zum anderen geht es – und das ja nicht zu ersten Mal – um die Frage nach dem Modus der soziologischen Beobachtung selbst. Die Zusammenführung dieser heterogenen Überlegungen kann man vielleicht am ehesten mit den Schüttelkästen aus der Prager Wunderkammer Rudolf des II. verbildlichen. Die dort naturgetreu nachgebildeten, mit Federn, Drähten und Tricks beweglich gemachten Abgüsse von Echsen und Schildkröten müssen dann hier als Metaphern für die Mobilitäten von Ideen und Begriffen herhalten, deren Ordnung nur auf die eigene Beobachtung zurückzuführen ist. Die Pointe meines kleinen Experimentes soll es schließlich sein, die – nennen wir sie – Metaphernabgüsse in einen anderen Kasten umzubauen, sagen wir vom europäischen Wald – dem eigentlichen Habitat der Wesen – in einen Wüstenschüttelkasten. Denn mit der Überprüfung der Entwicklung einer staatsgesellschaftlichen Semantik eines peripheren Staates in Mittelasien, genauer in Usbekistan soll dieser Perspektivwechsel vollzogen werden. Nun ist – wie wir wissen – diese Form der Selbstbeobachtung keine Rezipientenhaltung, Forschergestus oder gar Kontrolle, sondern Grundlage wissenssoziologischer Untersuchungen.
Ich knüpfe hierin an meine Bemühungen zur Untersuchung der historischen Semantik als Analyse von Temporalstrukturen der gesellschaftlichen Reproduktion am Begriff des Pessimismus an, die unter vielen das Problem ergaben, daß mit der Setzung der Wissenskultur einer soziologischen Beobachtung gegen notwendig komplexe Operationen in der Ideenevolution sich das Problem der Historisierbarkeit und Lokalisierbarkeit von Wissen überhaupt stellte.

Die Ausgangsfrage könnte man vielleicht so formulieren: Wenn – wie Daniel Bell schon 1974 entgegen der Kodifizierung wissenschaftlichen Wissens einräumen mußte* alle Gesellschaften auf Wissen beruhen, wie kann man dann, angesichts der Herausforderung der einen Welt, gesellschaftlichen Wandel und soziale Ordnung offen beobachten? Zur Beantwortung dieser Frage müßte ein Instrument zur Verfügung stehen, das so allgemein ist, daß es international oder interkulturell oder gar global semantische Unterscheidungen korrelierbar macht, das aber auch so speziell zu sein hat, daß einzelne Sinnübernahmen noch beobachtbar bleiben. Diese Herausforderung ist nicht zuletzt eine Folge der Kulturalisierung weltpolitischer Konstellationen, die angesichts der Ambivalenzen des demokratischen Friedens, eurozentrischen, westlichen, modernen oder am Ende postmodernen Orientalisierungen im wissenssoziologischen Sinne Edward Saids gegenüberstehen.
Hierfür auf eine Theorie ohne adressierbares Subjekt zurückzugreifen, deren Autor solcherlei Fragestellungen dezidiert distanziert gegenüberstand – oder sich schlicht für nicht zuständig erklärte, mag auf den ersten Blick paradox erscheinen; wird die Theorie sozialer Systeme und die systemtheoretische Semantikanalyse hier dennoch als Beobachtungsmittel eingebracht, dann aus dem Angebot heraus, anhand von nicht repräsentationalen  Begrifflichkeiten, und in Loslösung von einem ontologischen Denken, gesellschaftliche Kommunikation über nationale und regionale Beschränkungen hinaus beobachtbar zu machen. Demnach ist die Welt ja selbst nur der "Gesamthorizont alles sinnhaften Erlebens. Sie ist nicht durch Grenzen geschlossen, sondern durch den in ihr aktivierbaren Sinn. Die Welt will nicht als Aggregat, sondern als Korrelat der in ihr stattfindenden Operationen verstanden sein."* Gesellschaft ist damit ein System, das im Medium Wissen operiert und dem eine Repäsentation der Einheit fehlt. Kulturspezifische und territoriale Unterscheidungen, Sprachgrenzen und andere scheinbar ganz offensichtliche Gliederungen der Welt können dann aber nicht mehr universal auf der Grundlage von Ideen, Werten oder politischen Satzungen gezogen werden, sondern sind Selbstzuschreibungen der einzelnen Subsysteme. Das erscheint insofern plausibel, als im Hinblick auf die Komplexität, die Überlagerungsneigung, und Symbolizität der je unterschiedlichen Selbstbegrenzungen auf eine Semantik zurückgegriffen wird, deren Begriffe zwar allgemeinen Sinn bereitstellen aber eben auf etwaige Ursprünge, Wurzeln oder gar Instrumentalisierungen nicht mehr direkt zurückführbar sind.
Im Ansatz einer semantischen Analyse, die auf den wissenssoziologischen Arbeiten Niklas Luhmanns basiert, wird davon ausgegangen, daß alles menschliche Erleben und Handeln "sinnförmig verläuft und sich selbst nur sinnförmig zugänglich ist"* ; in dieser Perspektive heißt dies dann, daß "das Ganze der mitimplizierten Welt nicht als Fülle, sondern nur über Selektionen, über Reihungen oder über Aggregationen unter Verzicht auf Details zugänglich ist". Um diese Selektionen im Rahmen des sozial Erwartbaren und Anschlußfähigen zu halten, "wird Sinn typisiert, nämlich je nach Bedarf zeitlich, sachlich und sozial generalisiert" (ebd.). Typifizierter Sinn dient dazu, den Menschen soziale Realität und sozialen Wandel einsichtig und verständlich zu machen, ihnen Orientierungshilfen zu geben. Die Gesamtheit dieser Sinnbestände bezeichnet Luhmann als 'Semantik der Gesellschaft', "ihren semantischen Apparat oder Vorrat an bereitgehaltenen Sinnverarbeitungsregeln" (Luhmann 1993a, 19). Semantik kann somit auch für unsere Zwecke als ein höherstufig generalisierter, relativ situationsunabhängig verfügbarer Sinn im Modus einer nichthinterfragten Kommunikationsentscheidung verstanden werden, der auf zeitliche, sachliche oder soziale Generalisierungen angewiesen ist. Gepflegte Semantik ist dann jedoch eine von der Alltagssprache abgehobene Form der Kommunikation, wie zum Beispiel jene der Wissenschaft. "Wissen und erst recht wissenschaftlich gesichertes Wissen ist ein Produkt der Gesellschaftsgeschichte" (Luhmann 1992, 549). Die dynamische Entwicklung 'gepflegter Semantik' erklärt sich – gerade auch in Hinblick auf die Analysen einer postulierten 'Wissensgesellschaft' – durch die zunehmende Ausdifferenzierungen von Sinnsystemen, deren strukturelle Kopplung eben über Wissen vermittelt ist. Gesellschaftliche Instanzen der Kommunikation, die für ihre Beobachtung, also Pflege und Entparadoxierung zuständig sind grenzen sich damit gegen Esoterik und Komplikationen immer wieder ab. Gesellschaftlicher Wandel entzieht sich so dem direkten Blick. Die semantische Analyse entscheidet nicht über die Wahrhaftigkeit, Richtigkeit oder gar Wahrheit der analysierten Idee; die Herausstellung des Beobachteten ermöglicht qua Beobachtungsdistanzierung und Selbstreflexivität auch Negationen, liminale Prozesse und ganz nebenbei Sinn gewählter Handlungsentscheidungen. Erkenntnistheoretisch ist so ein Primat von handeln oder wissen nicht mehr zu rechtfertigen.  

Eine so konstituierte Wissenssoziologie stellt die Frage nach einer gesellschaftlichen Gegenwart nicht anhand von sogenannten Primärdaten empirischer Untersuchungen sondern mit der Methode einer Analyse, die diskursive Operationen bibliometrisch und semantisch anhand zeitlich generalisierter Unterscheidungen nachvollzieht.*
Nach dem Einsehen in den Verlust der letztabsicherbaren Erklärung was ist und der Vorhersehbarkeit dessen was einmal sein könnte sind perspektivische Gesellschaftsbeschreibungen unter Begriffen wie Informationsgesellschaft, Risikogesellschaft etc. als Universalbegriffe geprägt worden. Universal deshalb, weil sie autologisch gebildet sind und sie damit auch andere, ausgeschlossene Möglichkeiten – vielleicht auch ihr Gegenteil – mitführen. So werden mit der theoretischen Kodifizierung von Informationsgesellschaft im Rahmen volkswirtschaftlicher Analysen seit Anfang der 60er Jahre durch Machlup, Drucker, Umesao in den ressourcenarmen Leitgesellschaften Fragen, ja berechtigte Fragen zum Wandel der warenförmigen Gesellschaft auch und vor allem am Wissensbegriff in Bezug auf die ökonomischen, politischen und  sozialen Charakteristika gestellt. Information und Wissen sind die gegenwärtig prominentesten Verknüpfungsmöglichkeiten mit einem Gesellschaftsbegriff. Ist mit der Fragestellung der Begriffskonjunktion Wissen, sei es als sozial konstruierte Realitätsgewißheit gefaßt oder als Handlungsvermögen, dann also auch gleich eine fundamentale Krise der Gesellschaft gemeint? Ist beispielsweise in der Semantik von Risiko zumindest die Alternative Sicherheit noch angelegt, ist in der Problematisierung von Wissen ja keineswegs Nicht-Wissen unterstellt, sondern eine erhöhte Anforderung an veränderungsbereite, als wahr geltende kognitive Schemata beschrieben. Wird an normativ stilisierten Erwartungen auch im Enttäuschungsfall festgehalten, müssen kognitiv stilisierte Erwartungen auf einer höherstufigen Beobachtungsebene revidiert werden.

Um dies als Strukturwandel begrifflich zu fassen, wurde in den letzten Jahren das Modell von Informationsgesellschaft wieder aufgegriffen und mit Untersuchungen zur Rolle des meist als Strukturelement verstandene „Wissen“ in modernen Gesellschaften zur „Wissensgesellschaft“ erweitert.
Mit der politischen Umsetzung dieser sozialwissenschaftlichen Analyse in Japan seit den 1960er Jahren, im Amerika der Clinton-Regierung und in Europa schließlich mit dem Ministerratstreffen 1994), stellt sich die Frage der Dominanz von „Wissen“ in der gepflegten Semantik moderner Gesellschaften jenseits des offiziellen technischen und ökonomischen Informationsbegriffes (OECD 1996, BMBF 1997).
Hier muß die Rolle von Wissen in der gesellschaftlichen Reproduktion und dessen Stellenwert in der Entstehung moderner Industriegesellschaften* herausgestellt werden. Denn die Effekte der gesellschaftlichen Differenzierung, Enttraditionalisierung und Rationalisierung betrieblicher und gesellschaftlicher Wissensbestände wurden ja schon von Max Weber, Werner Sombart oder auch Joseph A. Schumpeter untersucht, die auf den systematisierten Umgang mit Wissen im Rahmen bürokratischer Organisationen hinwiesen und als Kern der Genese der Moderne beschrieben. Diese Ansätze werden hier als frühe Analysen wissensbasierter Gesellschaften verstanden, deren Entwicklung fest mit der Änderung kognitiver Schematisierungen im Begriff der Innovation oder der ‚Rechenhaftigkeit’ und einem systematischen und enttraditionalisiertem Umgang mit (kaufmännischem) Wissen verbunden ist (vgl. auch Burke 2001). Der Übergang zu Studien einer ‚nachindustriellen Gesellschaft’ gründet schließlich im Dilemma, daß weder die bürokratische Organisation noch der innovative Unternehmergeist in der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften hinreichend die Innovationsdynamik moderner Gesellschaften zu erklären vermag, die mit jeder institutionalisierten Schematisierung von Wissen Nichtwissen und Risiken erzeugt, die zur Ausdifferenzierung der Wissensorganisation in der Gesellschaft zwingt.*
Entlang dieser Kritik entwickelt sich die aktuelle Debatte um die Theorie einer ‚Wissensgesellschaft’ mit der Erkenntnis, daß Wissen als ein zentrales Element der gesellschaftlichen Reproduktion auch theoretisch adäquat gefaßt werden muß. Nach Aspekten der Wissensbasierung wie zum Beispiel Risiko, Nichtwissen, Kontingenz und Verwissenschaftlichung geht es nun um die Frage, ob Wissen als 'symbolisch generalisiertes Kommunikationsmittel' selbst im Rang steht, mit anderen Ressourcen wie Macht oder Geld an der Ordnung der Gesellschaft beteiligt zu sein. Problemlösungen durch Wissen, die Veränderung  von Lebensläufen mit der Zunahme wissensbasierter Berufe, die Entstehung  eines vierten Sektors, die Globalisierungseffekte von transnational operierenden Wissensnetzwerken, die Diffusion im beschleunigten Wissensumlauf und deren vermehrte Integration in administrative Entscheidungsprozesse und Wertschöpfungsketten der Wissensökonomie* – bei gleichzeitiger glokalisierter Exklusion sind dann elementar für einen Begriff der Gesellschaft. Die zentrale Frage aus der Annahme eines strukturellen Wandels zur  Wissensgesellschaft aus dieser Perspektive ist ja, inwieweit Kommunikation im Medium des Wissens über das Teilsystem Wissenschaft hinaus strukturbildend wirkt und wie kognitiv stilisierte Erwartungen an kulturell übergreifende und internationale Vergesellschaftungs­bedingungen bereitgestellt werden.* Hier steht der Umgang mit Wissen im Vordergrund nicht der Inhalt. Nicht umsonst erfahren im Kontext dieses Wandels wissenssoziologische Untersuchungen eine Renaissance. In der Verallgemeinerung von Wissen als alltägliches und wissenschaftliches werden aber auch die Beobachtungskriterien der Soziologie insofern verallgemeinert, als die verschiedensten Unterscheidungen von Teilsystemen natürlich über die jeweiligen Kommunikationsmedien wie Geld oder Macht, aufrecht erhalten werden, Beobachtung, Kritik oder schlicht Problematisierung aber auf Generalisierungen von Sinn zugreifen.* Ein Element dieser Debatte liegt in dem Umstand, daß Wissen aber auch Kommunikationsmittel wie Geld oder Macht als relativ kontextunabhängige Größe Sinnangebote macht, die über die strukturelle Einheit der Kommunikation hinausweisen.
Deshalb wird eine Latenz dieser Kommunikationen in den Blick genommen. Denn daß, um es mit Pascal zu formulieren, "Wahrheit diesseits der Pyrenäen herrscht, und Irrtum jenseits"?* ist doch zu unwahrscheinlich.

Die Funktion des Nationenbegriffes ist als eine Abgrenzungsleistungen im Transformationsprozeß der Ordnungen segmentärer Differenzierung zu sehen. Dabei ist die Semantik von Nation als eine transitorische Reaktion auf die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften zu verstehen, die als Selektion die Abgrenzung einer auf Souveränitätsbehauptungen basierenden Ordnung ermöglicht. Damit wird die Begrenzung der Reichweite sozialer Kommunikation gesichert, vereinfacht und symbolisch hoch angereichtert. Im Medium des Wissens einer Einheit der Differenz der eigenen Zugehörigkeit entwickelt sich so eine Leistung moderner Gesellschaften ihre Mitgliedschaften nicht mehr über Hörigkeit, sondern unter dem Verständnis einer Kooperation zu definieren. Nation ist so eine Inklusionsformel für regional differenzierte Gesellschaften. Die Souveränitätsbehauptung bietet dabei eine historische Semantik, die die Einheit des politischen Adressaten thematisiert und garantiert.

Nation als semantische Größe in der gesellschaftlichen Kommunikation ist deshalb immer translokal, da sie eine territoriale und historische Konsistenz von Gesellschaften sichert und damit Inklusionen gegen ein Äußeres definiert. Deshalb ist die semantische Kodierung von Nation im höchsten Maße auf eine Pflege (im Sinne einer gepflegten Semantik) angewiesen und gekennzeichnet durch eine hohe Symbolizität. Ausgangspunkt dieser symbolischen Generalisierung liegt in Konstruktion einer ethnischen, kulturellen oder sprachlichen Einheit, die soziale Gemeinschaften als Träger einer Ordnung auszeichnen. In der Entwicklung der europäischen Nationen ist es ja gerade dieser Umstand, daß aus territorialen also segmentär strukturierten Gemeinschaften Ressourcen sozialer Kontrolle so institutionalisiert wurden, daß gesellschaftlicher Sinn als handlungsleitend anerkannt wurde und somit Machtbeziehungen kommunizierbar wurden.
Mit einer Engführung der Debatte auf die Selbstbeschreibung des politischen Systems als Staat und als Staat unter Staaten hat man damit die Möglichkeit, zu untersuchen, inwieweit heute die primär über Kommunikationen im Bereich des Wissens sich ausdifferenzierenden Machtdiskurse als Legitimitätsbegründung hinreichend sind und der Staat als Nationalstaat  in seinen Grunddefinitionen gegenüber einem veränderten Vergesellschaftungsprinzip zurückgedrängt wird.
Die Genese und der Prozeß der Abstraktion dieser ‘politischen Handlungseinheiten’ beruht jedoch auf einem Gemeinschaftskonzept, das erst im 18. Jahrhundert den heutigen semantischen Wert der Nation erhält. Denn bis dahin hatte natio ein nur strukturelles Bedeutungsspektrum. Es diente beispielsweise den Griechen und Römern zur Kennzeichnung der Herkunft; nationes steht sogar für die Kennzeichnung der gentes, der Barbaren. Bis in frühe Mittelalter hatte dieser pejorative Sprachgebrauch Bestand (und ist vielleicht strukturell dem pejorativen Sprachgebrauch einer Sart-Nation in Turkestan vergleichbar).* Im Mittelalter wurde, gemäß dem “lateinisch-christlichen Daseinsverständnis”* Nation als Gemeinschaftsbegriff eines universellen Christentums verstanden, der immer noch weit von der ethnischen Definition entfernt liegt. “Großstämme hatten sich zu politischen Einheiten, zu nationes, das heißt Verbänden großer Geschlechter, mit einem Herzog an der Spitze, herausgebildet”.* Erst mit der Herausbildung territorialer Zentralstaaten und vor allem der Erosion ständischer Ordnungen, waren die Voraussetzungen geschaffen, abstrakte Gemeinschaften unter Begriffen wie Nation oder  Volk zu begreifen.*
Die Souveränitsbehauptung geht mit diesen strukturellen Veränderungen einher und anknüpfend an die herrschaftstheoretische Unterscheidung zwischen ‘temporalia’ und ‘spiritualia’ eine Möglichkeit geschaffen* , eine von Kaiser und Papst unabhängige Staatsform des Königtums zu legitimieren.* Diese Anstrengungen waren darin begründet, einerseits den Suprematieanspruch des Papsttums abzuwehren und “weltliche Gewalt nicht mehr als unmittelbar von Gott abgeleitete eigenständige Position zu verstehen, sondern sie nunmehr vom Volk her zu begründen, die Legitimationsbasis für die Temporalien also zu profanieren”.*
Verdeutlicht wird in diesem Zusammenhang, daß Gemeinschaft keineswegs als Einheit oder Homogenität einer Kultur mitzuverstehen ist, wie es Konzepte einer Ethnogenese von Nationen suggerieren* , sondern lediglich die Repräsentationsmodi der Exklusivität sozialer Ordnung umreißt.* Alle Konzepte (Nation, Souveränität, Volk) beruhen gleichursprünglich in der Konstitution des abendländischen politischen Systemes in der Definition des homogenen politischen Subjektes, nämlich der Individuen innerhalb territorialer Grenzen.* “Kulturelle Übereinstimmung begründet nicht ethnische Identität, sondern Ethnizität ist eine reflexive Kategorie, in der eine soziale Praxis (oder mehrere) und (auch zusammenhängende) Gruppen zu verschiedenen Anlässen als [...] übereinstimmende – und darum die Gemeinschaftlichkeit einer Ethnie, eines Volkes begründende – beschrieben werden. Ethnizität ist also diese wiederkehrende soziale Beschreibungspraxis von Übereinstimmung in der genannten Form selbst und zugleich ihr Ergebnis.” (Bommes)*
Abstammung, der Urstamm oder die Blutgemeinschaft sind dann als eine Selbstvergewisserung einer Gemeinschaft als Volk auf politische Schlüsselergebnisse verwiesen, die bereits auf Erfahrungen rechtlicher Legitimität zurückgreift.* Diese Erfahrungen jedoch bedürfen ihrer Relevanz nach einer Gesellschaftskonstruktion, in der das Gesetz überpersönlich herrscht und der Staat nicht als Integrationsinstanz menschlicher Gemeinschaften notwendig ist, den kriegerischen status naturalis zu verhindern. Der Kern dieses Begriffes für die Genese der Nationen liegt damit im Diskurs um die Volkssouveränität. Diese Theorie und die Rechtgrundlegung von Staaten als Vertretungen von Völkern sichern zusammen mit der langsamen Homogenisierung des Marktes - auf der Grundlage einer Umwertung des Begriffes der Arbeit - Staaten als Einheiten ab, die nicht mehr auf die personalisierte Herrschaft der Monarchie angewiesen ist. Hier entstehen Nationen. Und hier entstehen ‚Völker‘. Deshalb gibt es „zwar eine Theorie der Demokratie, aber kaum eine Theorie der Nation oder des Volkes“* .

In rezenten Analysen steht die Transformation des Nationalstaates im Zuge seiner Internationalisierung im Mittelpunkt. Dabei werden verschiedene Prozesse zentral: einmal gesellschaftliche Fraktionierungen, die das demokratische Verfahren als Legitimierungsverfahren von ökonomisch-politischen Interessen immer weiter belasten, da materielle Integrationsressourcen durch die Internationalisierung rar werden. Zum anderen treten Nationalstaaten zunehmend in Konkurrenz zur  Vernetzung der supranationalen Entscheidungsgremien. Schließlich haben diese Anforderungen an den Staat Auswirkungen auf die politische Selbstbeschreibung des Systems selbst in der Differenz von Staat und (Zivil-) Gesellschaft – und damit auf den 'historischen Block' (Gramsci).*
In der Forschungslogikwird zunächst mit der Problematisierung von Wissen in modernen Gesellschaften der Stellenwert einer wissenssoziologische Methode und der Rolle des Kommunikationsmittels Wissen in der gesellschaftlichen Kommunikation überprüft, um daran anschließend die These einer semantischen Begrenzung von Wissenskonzepten anhand der Ausbildung nationaler Strukturen zu analysieren.* Schließlich soll der Versuch unternommen werden, anhand der Nationalisierung der zentralasiatischen Region, die Verwendung dieses gesellschaftlichen Abgrenzungskonzeptes unter den Vorzeichen seiner sowjetischen Negation und der regionalen Ausbildung nachzuvollziehen.

So findet man seit der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten eine Vielzahl von Aufarbeitungen dieser Geschichte anhand der religiösen, schriftlichen, sprachpolitischen oder ökonomischen Spezifika vor. Genuin soziologische und politikwissenschaftliche Aufarbeitungen der Staatsordnung Usbekistans, seiner legitimatorischen und internationalen Konstitution sind jedoch weniger zahlreich und fokussieren eher Fragen der inneren Ordnung, der Stabilität, der Gemeinschaftskonstitution oder der religiösen Tradition.
Dennoch gehe ich davon aus, daß mit der Ausrichtung auf die Phasen der intellektuellen Selbstbeschreibungen in 1920er Jahren und die Konstitution einer Staatsnationalität 1991 die Ausbildung und Entwicklung einer historischen Semantik auch für Usbekistan nachzuvollziehen ist.
Die Eckdaten der territorialen Gliederung kennzeichnen den Verlauf der politischen Institutionalisierung. Am 30. April 1918 wird nach der Kontrolle über die Taschkenter Region die ASSR Turkestan gegründet, im September 1919 kontrolliert die rote Armee große Teile der zentralasiatischen Region, im Februar 1920 fällt Chiva an die Rote Armee und die SVR Khorezm wird gegründet, im September 1920 flieht der Emir von Buchara und die SR Buchara wird gegründet Am 27. Oktober 1924 wird die SSR Usbekistan mit der Hauptstadt Samarkand gegründet. 1929 wird die vormalige Oblast der ASSR Tadschikistan als eigenständige Sowjetrepublik ausgegliedert. 1930 wird Taschkent zur Hauptstadt der usbekischen Sowjetrepublik erklärt.
Hinter diesen Eckdaten verbirgt sich jedoch über die territoriale Kolonisierung hinaus, die – natürlich – institutionell und hier vor allem wissenschaftlich verankerte Arbeit an der Sprache selbst. Die Unmittelbarkeit des Sprachlichen, die Herausarbeitung einer  je eigenen Schriftsprache lag jedoch hier nicht wie etwa in Europa in der Selbstreflexivität konkurrierender Institutionalisierungen, sondern wurde als politisches Programm, quasi als Beschleuniger für die Entwicklung einer überregionalen, rationalen und ganz klar auch kontrollierbaren Semantik verstanden. 0
Deren Eckdaten erweitern das Bild: 1919-1920 die Arbeit des Musburo unter der Leitung Ryskulov und Tursun Kohjaev und anderen Jadiden die die Konzeptualisierung einer religiösen und territorialen Einheit Turkestans in einer förderalistischen Beziehung  anstrebten, und allerdings bereits 1920 von der leninischen Turkestan-Kommission übernommen wurde. 1923 die Tagung der RKP, die die Nationalisierungspolitik in Zentralasien festlegte. 1926 der Turkologiekongreß in Baku. 1928 Einführung des lateinischen Alphabetes und einer uzbekischen Literatursprache, deren Künstlichkeit bis zur Denationalisierung der Sprache mit der Einführung des kyrillischen Alphabets dem traditionalen Sprachgebrauch wieder angepaßt wurde.
Die sowjetische Vorstellung bezieht ihren Sinn aus einer geschichtsphilosophisch definierten Idee von gesellschaftlicher Entwicklung, nach der das Territoriale Vorstufe für das kosmopolitische oder universale ist und wird politisch so instrumentalisiert, daß mit der politischen Hegemonie Evolutionsbedingungen geschaffen werden, die einst im erklärten Ziel gesellschaftlicher Entwicklung kulminieren sollen. Diese Vorstellung konkurriert in den 20er Jahren mit der plausibleren Variante der reflexiven Konstitution einer seit der Jahrhundertwende beginnenden städtischen und bürgerlichen Modernisierung, die in der immensen intellektuellen Aktivierung und der Ausarbeitung einer kulturellen Selbstbeschreibung im Angesicht der europäischen Sozialkonstrukteure mündet.

Die Territorialisierung der Region, die Einteilung in politisch rationale Größen entsprachen einer administrativen Vereinnahmung, die dem westlichen Nationenbegriff entsprang. Die leninsche Nationalitätenpolitik sah in der semantischen Unterwerfung der Region die Möglichkeit die herrschenden translokalen Identifikationen zu unterminieren und so die revolutionären, reformerischen Kräfte (Basmachi) gegen eine orientalische oder islamische Revolution der selbst ernannten Muslimischen Nation als Chagatay zu kanalisieren. "Je mehr die demokratische Organisation eines Staates bis zur völligen Freiheit der Lostrennung ausgestaltet ist, desto seltener und schwächer werden in der Praxis die Bestrebungen zur Lostrennung sein."* Diese postulierte kulturelle Autonomie der zu schaffenden nationalen Republiken war dann natürlich nur Stilmittel der als Gesellschaftsformung verstandenen Herstellung einer Einheit, aber eben einer zersplitterten Einheit. Die Lateinisierung der Turksprachen von Asserbaidshan bis nach Tadjikistan erfolgt aber nicht auf der Grundlage einer Kopplung von Wissenschaft und Literatur sondern wird verfügt: als gosudarstwenji alfavit staatliches Alphabet.
Regional war damit aber auch die historische Semantik der unterschiedlichen Ethnien insofern zur Translokalität gezwungen, als in der multiethnischen Region mit segmentärer Sozialstruktur die kommunikativen Voraussetzungen einer historischen Semantik exklusiv waren. Deshalb stellte sich die Frage einer nationalen Selbstbestimmung zunächst in der Frage der Religion, der Literatursprache, der Verschriftlichung und der Verallgemeinerbarkeit der eigenen Geschichte. Die Einheit dieser Differenz lag vielleicht in der Romantik des Verhältnisses von musulmon als Ausdruck für die Einheit als religiöses Subjekt und dini also Religion selbst. Der von Abdurauf Fitrat geprägte Begriff chagatay als Selbstbeschreibung der seßhaften Bevölkerung Turkestans ohne tribale Attributionen stand dann gegen die Fremdbeschreibung "sart". So war vielleicht im Chagatay-Kreis der Literaten, Linguisten und Schriftsteller um Fitrat die Pflege einer historischen Semantik von den Sinnstiftungen und Rechtsnormierungen der politischen Semantik am unabhängigsten – aber eben als reflexive Leistungen gegen diese Prägungen nicht unmittelbar kommunikativ erfolgreich. Das Nationalitätskonzept einer proletarischen Nation konstituierte schließlich 1924 vor allem unter der Führung des "Lenins unter den Uzbeken" Faizulla Kojaev die Sowjetrepublik Usbekistan unter einer als größeres Buchara beschriebenen Territorialität.* Die nachfolgende Usbekisierung sollte anhand der andauernden Frage nach den Adressaten einer usbekischen Nation die engere Bedeutung der Wortwahl untermauern.

Entscheidend für die Geschichte der Nationalisierung ist für die Frage einer gesellschaftlichen Kommunikation aber vielleicht, daß die Kohärenz dieses Konzeptes gemeinschaftlich nicht gegeben war.
Die Nationalitätenpolitik der 20er- und 30er Jahre förderte Nationalitäten als politische Rationalisierung, aus deren Semantik Sinn für anderer Systeme wie z.B. der Kulturpolitik oder der Geschichtswissenschaften erst gewonnen werden mußte. Und letztlich waren diese kulturellen und gemeinschaftlichen Handlungsorientierungen in Form einer kommunikativen Vergemeinschaftung weitgehend erfolgreich. Entscheidender ist aber vielleicht, daß der Partikularismus primärer Solidaritätsgruppen (Familie, Mahallah, Kolchose, Abstammungsgruppe etc.) gerade im Hinblick auf die brutale und technizistische Vertreibungs- und Verfolgungspolitik als semantische Sinnstiftung erfolgreicher war.
"Mit der Sowjetisierung Zentralasiens setzte sich in einigen Bereichen das zaristische Kolonialisierungsprojekt fort. Jene Landreform, die bereits von Generalgouverneur von Kaufman in Turkestan durchgeführt worden war, wurde in den 20er Jahren in einer radikalisierten Form auf alle Gebiete sowjetisch Zentralasiens ausgedehnt und begünstigte arme besitzlose Bauern und Viehhirten. Die Ansiedelung von nomadischen und semi-nomadischen Viehhirten in Kolchosen ermöglichte die Durchsetzung staatlicher Strukturen in den ehemals tribal organisierten Bevölkerungsgebieten. Diese Durchsetzung beruhte einerseits auf der Verfolgung von tribalen und islamischen Eliten als 'Kulaken' und 'Klassenfeinde' – und deren Liquidation oder Verbannung nach Sibirien; andererseits auf der Verbreitung sowjetischer Institutionen wie den titularsprachigen Volksschulen, den Kolchosen und Sowchosen, den Industrie- und Bergbaubetrieben, die seit der 'Kollektivierung' die Lebenswelt aller Zentralasiaten formten."*
Die Einteilung in Titularnationen, Nationalitäten und ethnische Gruppen war also seit den 1920er Jahren der staatliche oder koloniale Versuch, politisch beherrschbare Gebiete zu formieren. Für diese neu zu schaffenden nationalen Identitäten wurden soziokulturelle Beziehungen in ethnische umgewandelt oder sprachliche  zur Grundlage einer Nationalität.*
Bezeichnend ist hierbei, daß mit der Schwächung der Durchsetzungsmacht der Zentralregierung Ende der 80er Jahre die zentral implementierte historische Semantik des Nationalen als Integrationsmodell nun verfügbar war und in intellektuellen Kreisen als Nationalisierung nach nationalen – und auch hier wieder sprachnationalen – Sinnangeboten einer universalen kommunistischen Internationale im sogenannten 'Labor der Völkerfreundschaft' entgegengesetzt werden konnte. 1989 wurde nach ethnischen Unruhen im Ferghana-Tal Islam Karimov als 1. Sekretär eingesetzt.  Die Bürgerrechtsbewegung konnte die Nationalisierung des Nationalen als politischen Diskurs nun aktualisieren. Usbekisch wurde als Nationalsprache der UzSSR eingesetzt. Sinn – also Anschlußfähigkeit – an die Semantiken von des russischen narod (Volk, Nation) war nun verfügbar, auch wenn bis heute kein Begriff im Sinne von Nationalstaat vorliegt. Die konkurrierenden Angebote sind millat: romantische Einheit der Nation, watan: Heimat, chal´k: Volk oder aholi: Land. Ursprünglich war es der Kreis der Jurte, der Territorialität beschrieb und vielleicht bis heute am Besten diese soziale Konstruktion des Raumes verbildlicht: Èl – Erde.

Die aktiven Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung Birlik (Einheit) und Erk (Gerechtigkeit) entstammt vorwiegend der akademisch regionalen Elite, die eine "geschichtlich nationale und kulturelle Einheit der Usbeken rekonstruiert hatte. Diese Rekonstruktion ging den politischen Forderungen voraus" (Eckert, S. 18). Das Ausbleiben einer wirtschaftlichen Homogenisierung und die gleichwohl durchgesetzte 'Modernisierung' der Gesellschaft erzeugt nun die dem Limitationsbegriff inhärente Semantik einer umfassenden Durchsetzung des Konzeptes 'Usbekistan' nun als souveränen National-Staat. 1991 erklärte der Oberste Sowjet die Souveränität Usbekistans. Diese Souveränität die mit dem nationalen Gedanken eng verknüpft ist, steht nun jedoch wechselseitigen infrastrukturellen Verflechtungen der Republiken und den translokalen Einheiten von Gemeinschaften entgegen. Um diesen Konflikt zu lösen, vereinnahmt der neue Staat die Verwaltung der nationalen Semantik und sichert sie gewaltsam gegen dis- oder translokale Kommunikationen ab.
Der so entstehende autoritäre Staat basiert also auf einer Informations- und Kontrollfiktion und zeichnet sich in der Realität durch eine Dezentralisierung der Macht auf die mittlere Verwaltungsebene aus, welche vor allem durch ihre Unkontrollierbarkeit ein Machtmonopol aufbauen kann. Notwendig für eine solche Politik ist die Monopolisierung und Verknappung der Mobilisierungsressourcen. Dadurch entwickelt sich die Bedeutung eines Klientelsystemes, das die Rolle einer korporatistischen Interessenvertretung übernimmt.* Mit der Unabhängigkeit und Souveränität Usbekistans kulminieren die Widersprüche der Nationenkonstruktion im Korpus eines territorialen Nationalstaates, der damit zwar an der internationalen politischen Kommunikation Teilhabe hat. Die gesellschaftliche Struktur ist jedoch gekennzeichnet durch eine heterogene Bevölkerungsstruktur, segmentäre Sozialorganisation und diverse Identifikationsebenen. Die semantische Einheit der Gesellschaft als Titularnation konkurriert mit den Identifikationen sozialer Gemeinschaften über Stammesmitgliedschaften ethnoregionaler Gruppen (Tekke, Ulu Djuz), mit subnationalen Bezeichnungen wie Usbeken, Kasachen, Tadschiken etc. und mit translokalen Identitäten als Zentralasiaten, Muslime, Turk- oder Persischsprachige.
"Die seit 1993 beobachtbare „Mahallisierung“ Usbekistans ist etwa ein solcher flächendeckender Versuch, die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft (Lokalgemeinschaften) zu verringern, indem der Staat zur Administration von staatlichen Sozialleistungen in allen Lokalgemeinschaften Mahallah-Büros errichtete"* .
Mahalla ist seit je her die städtische Gemeindeverwaltung, die auf dieser Mikroebene eines engeren Stadtbezirkes, alle adminstrativen Vermittlungen übernimmt, vergleichbar den alten Stadtteilorganisationen der Hu-Tongs in China.
Der massive und allgegenwärtige Symbolismus, das beständige Vorsagen nationaler Elemente der konstruierten – und mittlerweile als abrufbar etablierten – territorialen Identität zeigen die Schwäche dieser Semantik im heutigen Usbekistan. Ihre Schwäche besteht dann vor allem darin, daß sie wohl politisch umgesetzt ist und somit strukturellen Bestand hat, aber eben über andere Kommunikationssysteme als dem gesellschaftlichen Sinns gesichert werden muß. Die soziale Reproduktion gesellschaftlichen Sinns als Selektionsangebot – und darin ist wahrscheinlich der Erfolg der Implementierung eines westlichen Nationalstaatsmodells in Usbekistan zu sehen – liegt in der sozialen Bindung basaler Legitimationsmodelle der Gemeinschaft also in den familialen und translokalen Momenten, die an der  Pflege der gesellschaftlichen Semantik arbeiten – und damit ja die Sichtweise einer rein funktional differenzierten Weltgesellschaft zu Verfeinerungen in der Analyse der Kopplungsmöglichkeiten sozialer Systeme zwingt. Es ist also vom Standpunkt einer wissenssoziologischen Analyse hoch interessant, wie in der Adaption des Konzeptes der Nation für die hegemonialen aber auch politisch-rationalen Zwecke der sowjetischen Herrschaft das Konzept selbst sozial verfügbar gemacht wird. War Nation einst Resultat einer gesellschaftlichen Entwicklung, die erst Kirche und Staat von einander trennte, dann Staat und Gesellschaft ausdifferenzierte, und letztlich mit der Ausbildung politischer Subjekte in eine kommunizierbare 'Weltordnung' notwendig machte – und Totalkonfrontationen ganzer Territorien zuließ – ist  in der 'allopoetischen' oder zumindest allochtonen Konstitution der nationalen Semantik Usbekistans und ihren modernen Herausforderungen die strukturierende Adaption einer allgemeinen Semantik zu beobachten.

***


Bell 1974, 23 nach Stehr 1994, S. 133

Luhman: 1997, 153

Luhmann 1993a, 17

Dabei ist in meiner Perspektive die strukturfunktionalistische Methode als Ausgangsbasis einer akteurstheoretischen (Bourdieu) oder einer Diskurstheoretischen vorzuziehen, da in der Reproduktion einer gesellschaftlichen Semantik die Bemühungen soziologischer Forschung bereits aufgenommen sind und als Beobachtungsstandort reflexiv wirken. Zwar sind auch in Bourdieus erkenntniskritischen Ansätzen einer Theorie des Feldes diese Momente eingearbeitet, in der letztendlichen Konzequenz bleibt aber das Feld eben jener territoriale Raum, der (Vgl. Fries 2001) Positionen der eigenen Pflege der Semantik werden so als textkonstitutiv wahrgenommen. Darüber hinaus bietet die Annahme einer strukturellen Kopplung der verschiedenen Systeme die Möglichkeit, verschiedene Aspekte der jeweiligen Metapher in den Blick zu bekommen.

 Aron, Stehr 128

Frühe Studien zur ‚Informationsgesellschaft’ reagierten erstmals auf die Ausbreitung professionalisierter und technisch qualifizierter Wissensarbeit und das Tempo ubiquitärer Innovation durch neue Informationen, Wissen und Expertisen (Bell 1973; Etzioni 1971; Drucker 1969). Bei Bell stehen drei Aspekte des Umbaus der Industriegesellschaft im Mittelpunkt: die Kodifizierung theoretischen Wissens mittels wissensbasierter Technologien als axiales Prinzip, die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors, die Rolle der Wissensarbeiter und der Symbolanalytiker in der gesellschaftlichen Semantik.

z.B. in knowledge industries – Gibbons 1994, 84f.

Er verweist – ähnlich der Diagnose einer ‚reflexiven Modernisierung  – auf „größere Unsicherheit, Zerbrechlichkeit und Kontingenz" von Wissensgesellschaften. Dieser Aspekt wissensgesellschaftlicher Rationalisierung, nach dem “Wissensgesellschaft eine Gesellschaft bezeichnet, die in ständig wachsendem Maß über den Umfang und die Ebenen ihres Nichtwissens lernt“ wird dann zentral (Krohn 1997: 69).

(Pensées 60)

Vgl. H.-J. Beckers Artikel zu ‘Natio’ im Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. Hrsg. v. A. Erler und E. Kaufmann, Berlin 1984, S. 862f.

Walter Bußmann in: Staatslexikon. Bd. III, Freiburg i. Br. 1995, S. 1265

Werner Conze, ‘Deutschland’ und ‘deutsche Nation’ als historische Begriffe. In: Die Rolle der Nation in der deutschen Geschichte und Gegenwart. Hrsg. v. Otto Büsch und J. J. Sheehan, Berlin 1985, S. 21-38, hier S. 23

Ein interessanter Aspekt dabei ist sicherlich die Bindung dieser Gemeinschaftskonstruktionen an einen wie auch immer gearteten Universalismus. Diese Eigenschaft der Repreäsentationmechanismen komplexer gesellschaftlicher Gebilde entsprechen dem Prinzip der ‘Leitidee’ in der neueren Institutionentheorie und der Erkenntnis, daß die Vermittlung und Aufrechterhaltung von Ordnungsmustern ihren symbolischen Gehalt aus dem Abstraktionszwang und ihrem Zweck gleichermaßen beruht. Vgl. Karl-Siegbert Rehberg, Institutionen als symbolische Ordnungen. Baden-Baden 1994

Dies natürlich ursprünglich in einem theologischen Diskurs. Man erreichte durch diese Definition eine Entkoppelung von Gott und Herrschaft, wie sie im mittelalterlichen Ordodenken omnipräsent ist und schuf so überhaupt die Voraussetzung für die Ausdifferenzierung einer Staatsverwaltung.

Diese Unterscheidung geht auf Innozenz III. (1202, Per venerabilem) zurück, bezog sich zunächst jedoch nur auf das Königtum als autonome Herrschaftsform, wird aber dann juristisch auf den König umgemünzt. op. cit., 104-105

op. cit. 106

Dieses Verfahren umschreibt in seiner poltitischen Dimension, oben benannten Aspekt der Ideologisierung, das trotz unzureichnender ethnischer Homogenität, eine Eigengeschichte erstellt wird, die mit ihrer hegemonialen Komponente das Grundelement des Nationalismus ist. Das ‘Paradebeispiel’ hierfür ist sicherlich die Geschichte des deutschen Nationalismus, aber auch jede moderne Form birgt diese Elemente.

Es gibt also für den Primordialismus, daß “ethnische Identitäten elementare Kulturprodukte” seien oder auf einer Ur-Gemeinschaft beruhen, keinen Grund.

Diese Homogenisierung ist ein noch andauernder Prozeß. Werden zwar alle Individuen durch die ‘Entdeckung des Staates’ unter ein Recht gestellt, gilt der Kampf von Minderheiten, unter das selbe Recht gestellt zu sein heute als ein Definitionskonflikt in nuce.

Michael Bommes, Migration und Ethnizität im nationalen Sozialstaat. In: Kößler/ Schiel. Nationalstaat und Ethnizität. Frankfurt 1995, S. 179-201, hier S. 181

„Dieser Sachverhalt: daß das ‘Stammesbewußtsein’ der Regel nach primaär durch politisch gemeinsame Schicksale und nicht durch Abstammung bedingt ist [..] dürfte eine sehr häufige Quelle ‘ethischen’ Zusammengehörigkeitsglaubens sein“. Max Weber zeigt auch, daß einer der mächtigsten und – wie  wir es heute wissen können – verheerendsten Antriebe aus diesem politischen Schicksal, das als Stammesbewußtsein erfahren wird, bei genügendem Anreiz zu kriegerischer Aktivität nach außen, ein politisches Gemeinschaftshandeln besonders leich auf dieser Grundlage“ entsteht. M. Weber (1972), S. 241

Reihart Koselleck, Volk, Nation. In: Geschichtliche Grundbegriffe, S. 142

"Das politische System identifiziert sich selbst als 'Staat', um sich selbst damit von der Gesellschaft zu unterscheiden. Es gibt sich, um sich selbst zur Respektierung dieser Differenz zu zwingen, eine Verfassung. Die Gesellschaft ist dann nicht mehr nur einfach eine Umwelt des politischen Systems. Die Unterscheidung von Staat und Gesellschaft wird vielmehr zur Regel dieses Systems selbst." (ebd., 71)
Die Wiedereinführung der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene werde seitdem zur Regel der Selbstorganisation des Staates:
"Staat – das ist dann kein unmittelbar zugänglicher Sachverhalt, kein Weltausschnitt, nicht das Volk in Form, nicht eine Menge von Menschen, die in näher anzugebenden Beziehungen [...] zueinander stehen. Der Staat, das ist die Formel für die Selbstbeschreibung des politischen Systems der Gesellschaft." (Luhmann: Staat, 78)

Paul Georg Geiß, Nationenwerdung in Mittelasien. - Berlin...: Peter Lang, 1995. - 221 S. (Reihe Politikwissenschaft; 269; Staatenbildung und Nationenwerdung in Mittelasien. In: Bruckmüller, E./Linhart, S./Mährdel, Ch.: Nationalismus - Wege zur Staatenbildung in der außereuropäischen Welt. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994; Paul Georg Geiss, Mahallah and Kinship Relations. A Study on Residential Communal Commitment Structures in Central Asia of the Nineteenth Century. - In: Central Asian Survey, 20 (2001) 1, S. 97-106; Paul Georg Geiß, Ansätze zur Demokratisierung und gesellschaftlichen Reformen in Zentralasien. - Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung Januar 2002. - 20 S. (Politikinformation Osteuropa; 95)

Der Weg zum Konkreten erfordert den Umweg über die Abstraktion (Luhmann LP, S. 9).

Lenin, Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. In: ders., Über die nationale und koloniale Frage. Berlin 1974, S. 315

Carlisle, S. 110

http://www.duei.de/doi/de/content/forschung/zentralasien_kaukasus/geiss_projekt.html (28-06-04)

vgl. Allworth 1994; Gleason 1997.

Markus Kaiser 2001

Geiß 2004

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_last update 8 February, 2008_